Europas Wirtschaftskrise dauert mindestens zwei Jahre – für einen Kurswechsel bleiben nur Wochen

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Von Olga Samofalowa

Analysten haben die europäische Industrie davor gewarnt, dass die Krise, der sie in diesem Winter gegenübersteht, nicht mit dem Ende der Kälteperiode vorbei sein wird. Vielmehr hat sie noch mindestens zwei schwierige Jahre vor sich. Viele Unternehmen in der EU werden wegen der teuren Energieträger unrentabel werden. Sie werden gezwungen sein, die Produktion einzustellen – oder in andere Länder zu verlagern. Wohin wird die europäische Industrie umziehen und wie viele Jahre wird es dauern, bis die EU deindustrialisiert ist?

Für die europäische Industrie sind wegen der Energiekrise schweren Zeiten angebrochen. Doch jetzt kommt die richtig unangenehme Nachricht: die Qualen und Herausforderungen werden sich damit nicht erschöpfen. Den europäischen Fabriken stehen mindestens zwei weitere schwierige Jahre bevor. Die Spannungen auf dem Energiemarkt werden nach Ansicht der Experten von PricewaterhouseCoopers (PwC) nicht vor dem Jahr 2024 nachlassen. Die Energiekrise bedroht die fundamentalen Bereiche der deutschen Industrie und führt zu einer Deindustrialisierung Europas, zitieren Die Welt oder auch die Tagesschau die Studie der weltweit renommierten Beratungs- und Wirtschaftsprüfungsfirma.

Die extrem hohen Preise für Erdgas trafen und treffen die deutsche Industrie und damit die größte europäische Volkswirtschaft besonders hart. Und obwohl die Industrie in Deutschland immer noch billiger produziert als im EU-Durchschnitt, erwägt jedes vierte deutsche Unternehmen mittlerweile, seine Produktion ins Ausland zu verlagern. Der Studie zufolge verliert aber Europa insgesamt seine globale Wettbewerbsfähigkeit und Attraktivität als Produktionsstandort. Andreas Späne, Leiter der PwC-Tochter Strategy & Europe, bringt es auf den Punkt:

"Viele Unternehmen könnten sich zukünftig dafür entscheiden, ihre Produktion innerhalb Europas neu aufzustellen oder gänzlich aus Europa abzuziehen."

Die Stahl-, Automobil- und Chemieindustrie stehen aufgrund höherer Produktionskosten unter unermesslichem Druck. Lediglich in Frankreich und Spanien sind die Produktionskosten vergleichsweise nur moderat gestiegen, weil dort die Kernenergie und die erneuerbaren Energien einen hohen Anteil am Energiemix haben. Auf der anderen Seite stehen EU-Länder, die stark von russischem Erdöl und Erdgas abhängig sind – wie Polen und Deutschland – aufgrund von Gasmangel unter stärkerem Druck.

Dass sich Europa auf eine längerfristige Krise einstellen sollte, warnen auch die Industriellen selbst. Sid Bambawale, Leiter des Bereichs Flüssigerdgas für die asiatische Region bei der Vitol-Gruppe (dem weltweit größten unabhängigen Rohstoffhändler), sagte dazu:

"Wir befinden uns in einer Gaskrise, und wir werden auch in den nächsten zwei oder drei Jahren in einer Art Krisenmodus bleiben. Wir sollten also kein falsches Gefühl der Sicherheit entwickeln."

Marco Tronchetti Provera, einer der größten Unternehmer Italiens und Chef des Pirelli-Konzerns, wird bei seinen Warnungen konkreter:

"Wenn Europa seine wirtschaftliche Wettbewerbsfähigkeit verliert, wird es sein Wohlstands- und Wohlfahrtsmodell gefährden. Und die Geschichte lehrt, dass dies die Demokratie bedeutenden Risiken aussetzen kann. […] Jetzt sind wir in einer Ausnahmesituation – es geht um Wochen.

Wir verlieren Verträge. Wenn auf die Energiekrise keine sofortige Reaktion erfolgt, werden wir das, was in Europa in den letzten Jahrzehnten aufgebaut wurde, wegwerfen."

Die wichtigste schnelle Lösung, mit der die Europäer momentan der Energieknappheit begegnen, ist die Senkung des Energieverbrauchs vor allem in der Industrie. Bereits im zweiten Quartal 2022 sank der Erdgasverbrauch in der EU um 16 Prozent auf 71 Mrd. Kubikmeter, und in den neun Monaten von Januar bis September senkten die europäischen Mitgliedstaaten der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung den Gasverbrauch um 10 Prozent, darunter den industriellen Verbrauch um 15 Prozent, hält die Internationale Energieagentur fest. Wladimir Tschernow, Analyst bei Freedom Finance Global, nennt einige betroffene Branchen:

"Die am stärksten betroffenen Sektoren der Industrie sind diejenigen, die am meisten Energie verbrauchen – einschließlich des Stroms, der in gas- oder kohlebefeuerten Wärmekraftwerken erzeugt wird. Bereits beschwert haben sich: Keramikfliesenhersteller, Automobilhersteller, Düngemittel- und Chemieproduzenten und viele andere."

Jedes Unternehmen sucht seinen eigenen Weg zur Senkung des Energieverbrauchs, so Tschernow – oder eben der damit verbundenen Kosten:

"Der französische Automobilhersteller Renault beispielsweise reduziert die Zeit, die für das Einbrennen der Lacke benötigt wird – dies ist ein Prozess, der bis zu 40 Prozent seines Gasverbrauchs ausmacht. Es gibt bereits Anzeichen dafür, dass große Unternehmen noch vor dem Wintereinbruch damit begonnen haben, die Produktion in einigen Sektoren aufgrund von Energieknappheit zu drosseln. Leiter von Unternehmen, die Chemikalien, Düngemittel und Keramik herstellen, warnen, dass sie Marktanteile zu verlieren drohen und gezwungen sein könnten, einen Teil ihrer Produktion in Teile der Welt zu verlagern, die billigere Energie anbieten können."

Derartige Warnungen zielen auch punktgenau auf Politiker des wirtschaftlichen Bündnisses. Das besagt ein Bericht, den die Mitglieder des European Industry Roundtable unter anderem an Ursula von der Leyen, die Chefin der Europäischen Kommission, schickten.

"Die rapide steigenden Energiepreise führen aktuell zu einem alarmierenden Rückgang der Wettbewerbsfähigkeit der industriellen Energieverbraucher in Europa. […] Ohne sofortige Maßnahmen seitens der europäischen politischen Führungsriege zur Senkung der Preise für energieintensive Unternehmen wird der Schaden irreparabel sein und zu einem bedeutenden Verlust von Arbeitsplätzen in Europa führen."

Die beiden führenden Politiker Deutschlands und Frankreichs äußerten kürzlich ihren Unmut darüber, dass die USA die europäischen Industrieunternehmen nicht nur mittels billigerer Energieressourcen zu sich locken, sondern ihnen auch noch zusätzliche Anreize für die Verlagerung der Produktion in ihr Hoheitsgebiet bieten. Allein im Bundesstaat Oklahoma wollen sich rund 60 deutsche Unternehmen ansiedeln. Die Situation bringt aber auch kuriose Klippen in der Brandung ausgerechnet für Europa ans Licht, warnt Wladimir Tschernow:

"Aber nicht nur die USA werden für die europäische Wirtschaft profitabler werden. Ungarn zum Beispiel hat für sich Ausnahmen von den antirussischen Sanktionen erwirkt und wird weiterhin billiges russisches Gas erhalten. Ungarn hat vor Kurzem sogar ein Abkommen zur Erhöhung der Lieferungen von Gazprom unterzeichnet. So überrascht es nicht, dass KOSTAL Automobil Elektrik damit begonnen hat, Arbeitsplätze nach Ungarn zu verlagern. Das Unternehmen beabsichtigt, die Produktion in Deutschland innerhalb der nächsten zwei Jahre einzustellen."

Zwei weitere Zielländer für die "Abwanderung" europäischer Fabriken sind die Türkei und China. So zieht beispielsweise die Fliesenproduktion des Keramikherstellers Villeroy & Boch in die Türkei, während Giganten wie BASF und BMW planen, neue Werke in China zu eröffnen.

Dies ist eine unbequeme Realität für europäische Politiker. Sie haben bereits Hunderte von Milliarden Euro ausgegeben, um die Bevölkerung zu unterstützen und die unterirdischen Gasspeicher in Vorbereitung auf diesen Winter zu füllen. Die Belastung der öffentlichen Haushalte ist damit enorm gestiegen. Aber Geld allein reicht gar nicht aus. Und so sahen sich die Regierungen gezwungen, die Arbeit von Fabriken dennoch einschränken zu lassen – deren Besitzer sie bei diesen Preisen jedoch lieber ganz stilllegen werden, statt mit Verlusten zu wirtschaften.

Die Krise bleibt die Tendenz

Das Schlimmste ist aber, dass die besagten Probleme auch nach diesem Winter nicht einfach verschwinden werden. Sie werden alle bis gut ins nächste Jahr hinein bestehen bleiben. Und so werden die Vorbereitungen für den nächsten Winter und der nächste Winter selbst in der gleichen Atmosphäre dieser Krise und eines Zusammenbruchs stattfinden, wie sie jetzt herrscht. Denn, so prognostiziert Tschernow:

"Es wird mehr Zeit benötigt, um die teureren Lieferungen von anderen Exporteuren auszubauen. Als Nächstes werden die Europäer wahrscheinlich Maßnahmen zur gemeinsamen Beschaffung von Erdgas einführen, die Kosten für Gas werden gedeckelt und es wird einen schnelleren Übergang zu grüner Energie geben."

Dies erfordert jedoch zusätzliche Finanzspritzen und mehr Zeit, so dass der effektivste Weg, den Winter zu überstehen, die Reduzierung des Energieverbrauchs ist.

Daher ist die europäische Industrie zurecht besorgt, dass die unterirdischen Gasspeicher Europas, die in diesem Jahr zu 90 Prozent gefüllt werden konnten, bis zum nächsten Winter erst recht nicht vollständig gefüllt werden können.

Es bleibt ein Tatsache, dass diese Region in diesem Jahr nur deshalb Rekordmengen an Flüssigerdgas einführen konnte, weil sich die chinesische Nachfrage als mäßig erwies. Und China hatte sogar einen Teil des LNG, das es sich vertraglich gesichert hatte, nach Europa exportieren können. Im kommenden Jahr könnte China jedoch seine "Null-COVID"-Politik beenden und zu seinem hohen LNG-Verbrauch zurückkehren. Und dann könnte es leicht passieren, dass das Glück vom Jahr 2022 die Europäer im Jahr 2023 einfach verlässt.

90 Prozent Erdgas-Speicherfüllstand zum nächsten Winter wären großes Glück

In fünf von sieben Szenarien könnte Europa im Winter 2023/2024 mit nur 65prozentiger Auslastung seiner unterirdischen Gasspeicherkapazität auskommen müssen. Dies ergab eine Analyse von Paula Di Mattia Peraire, Analystin für den europäischen Erdgasmarkt bei ICIS – und zwar unter der Bedingung, dass russisches Gas weiterhin nur noch durch Turk Stream nach Europa fließen würde.

Nach ihrer Meinung setzen alle Szenarien, in denen Europa die Möglichkeit hätte, genügend Gas in seine Speicher zu pumpen, einen deutlichen Nachfragerückgang entweder im Winter oder zwischen November 2022 und September 2023 sowie eine Erhöhung der durchschnittlichen LNG-Importe auf 440 Millionen Kubikmeter pro Tag voraus – also mehr als im Jahr 2022.

Und etwaige Probleme beim Befüllen der Speicher im Sommer 2023 werden weitgehend davon abhängen, wie weit diese Speicher nach dem Winter geleert sein werden, sagt Di Mattia. Angesichts der physischen Knappheit von Erdgas ist die Wahrscheinlichkeit, dass sie ernsthaft erschöpft sein werden, recht hoch. Daher werden die Europäer ihre Nachfrage nach Erdgas weiter drücken müssen – und werden im Jahr 2023 auf den Zufluss von LNG in ihre Region angewiesen bleiben, um wenigstens mit Mühe und Not das Gleichgewicht auf dem Energiemarkt zu halten.

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Übersetzt aus dem Russischen, zuerst erschienen bei Wsgljad.

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