FDP: Englisch soll zweite Amtssprache werden

vor 1 Monat 20

von Dagmar Henn

Die FDP muss irgendwie gemerkt haben, dass sie mit dummen Erklärungen ins Hintertreffen geraten ist – weit abgeschlagen von Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck und sogar von SPD-Generalsekretär Lars Klingbeil. Der hat gerade erst den Beschäftigten das Frieren zum Wohle der Industrie nahelegt, weil es "einen gemeinsamen Weg durch diese schwere Phase der Krise" bräuchte, die es gar nicht gäbe, hätte die Ampel nicht diesen Sanktionen zugestimmt …

Da braucht es wirklich einen eigenen, kreativen Beitrag der FDP zum laufenden Bullshit-Bingo. Und deren Bundesbildungsministerin Bettina Stark-Watzinger hat geliefert, mit einer ganz tollen, superaktuellen Idee: Englisch soll in Deutschland zweite Verwaltungssprache werden. So wie das bis heute in anderen ehemaligen Kolonien der Fall ist, in Westafrika beispielsweise? Gut, so wie diese Regierung auf deutsche Souveränität bedacht ist, entbehrt dieser Schritt nicht der Konsequenz.

Beim Lesen ihrer Begründung weiß man wirklich nicht mehr, ob man lachen oder weinen soll. Mangelnde Deutschkenntnisse seien "eine ganz große Hürde" bei der Anwerbung von Fachkräften, erklärte sie. Wo diese Fachkräfte benötigt werden sollen, wenn die deutsche Industrie geschrottet ist, erklärt sie nicht. Und in welchem Bezug diese Aussage zu den tatsächlich nach Deutschland gelangenden Migranten steht, erklärt sie auch nicht. In den letzten Jahren war das größte Problem eine mangelhafte Alphabetisierung, Fremdsprachenkenntnisse waren eher selten ein Thema, und zwar gleich, ob Deutsch, Englisch oder Spanisch. Selbst bei den jüngst so begeistert aufgenommenen Ukrainern käme man in der Wirklichkeit mit Russisch weiter. Vielleicht träumt das FDP-Präsidium, das ein Zehn-Punkte-Programm zur Erleichterung der Fachkräfte-Zuwanderung verabschiedet hat, ja immer noch von Tausenden hoch qualifizierter Inder, die sich danach sehnen, nach Deutschland einwandern zu dürfen.

Die gehen aber inzwischen, übrigens wie gut qualifizierte Afrikaner, nicht einmal mehr in die USA, obwohl dort bekanntlich überall Englisch gesprochen wird. Die gehen nach China. Dort spricht man Mandarin.

Die Beamten, die bereits Englisch sprechen, sollen zur Betreuung von Migranten eingesetzt werden. Gelegentlich ist es hilfreich, Statistiken zu lesen oder auch nur ein Kind im Kindergarten einer Großstadt zu haben. Da funktioniert das Englische als Lingua franca auch nicht, ein irgendwie gestolpertes Deutsch bleibt die einzige Möglichkeit zur Kommunikation, weil ansonsten zwanzig und mehr unterschiedliche Sprachen aufeinandertreffen.

Die anderen Beamten, die kein Englisch sprechen, sollen es jetzt lernen, und freie Stellen sollen vor allem mit des Englischen kundigen Bewerbern besetzt werden. Wenn man sich die geopolitische Entwicklung der Gegenwart ansieht, kommt diese Idee etwas spät; die Zeit, in der Englisch die Sprache eines Imperiums war, geht gerade zu Ende.

Aber in Deutschland hat man eine Leidenschaft für die Sprachen vergangener Reiche, da steht auch Latein immer noch auf dem Lehrplan, und das Römische Reich ist noch etwas länger Vergangenheit. Das passt immerhin dazu, dass sich ohnehin die Frage stellt, wie lange die USA, sofern sie als einheitliches Land bestehen bleiben, noch Englisch sprechen; demografisch naht eine spanischsprachige Mehrheit zumindest in einigen Staaten. Dann wäre das Englische noch etwas toter und seine Beherrschung noch etwas bildungsträchtiger.

"Deutschland befindet sich als Einwanderungsland in einem globalen Wettbewerb um qualifizierte Arbeitskräfte, die wir angesichts unserer demografischen Entwicklung und zur Sicherung unseres Wohlstands – gerade auch mit Blick auf die Stabilität unserer Sozialsysteme, insbesondere der Rente – dringend brauchen." Nein, das ist kein Auszug aus einem Satireprogramm, sondern aus dem FDP-Papier.

Gut, die FDP muss das nicht wissen, dass andere Länder Probleme der "demografischen Entwicklung" lösen, indem sie das Aufziehen von Kindern erleichtern. Sie hängt nun einmal der Illusion nach, man könne sich die Arbeitskräfte fertig gebacken irgendwo abholen. Spart schließlich die Aufwendungen für Aufzucht und Ausbildung und verhindert so eklige Dinge wie gewöhnlichen heterosexuellen Verkehr und ein kinderfreundliches Umfeld. Aber das Zitat enthält selbst schon die Erklärung dafür, warum Deutschland diese Idee für die nähere und womöglich auch die ferne Zukunft vergessen kann, denn da steht etwas vom "globalen Wettbewerb um qualifizierte Arbeitskräfte".

In diesem Wettbewerb gewinnt der, der die besten Arbeits- und Lebensbedingungen und womöglich sogar noch eine günstige Zukunftsperspektive bietet. In Deutschland ist die Bezahlung selbst in den MINT-Berufen schlecht. Es ist schwierig, eine vernünftige Wohnung zu finden. An die Gründung einer Familie will man in diesem Land gar nicht denken, weshalb das auch immer weniger tun, und in nächster Zeit ist dann auch noch Hungern und Frieren angesagt. Im "globalen Wettbewerb um qualifizierte Arbeitskräfte" klingt das geradezu nach vier Assen.

Stark-Watzinger legt auf die Formulierung des Papiers noch einen darauf. "Wir sind im Wettbewerb mit anderen Ländern, deswegen müssen die Hürden, zu uns zu kommen, sehr niedrig sein." Komisch, die Chinesen haben sehr hohe Hürden, die Schrift ist eine besonders hohe, und dennoch studieren längst mehr Afrikaner in China als in den USA, von Deutschland brauchen wir da gar nicht zu reden. Die Leute, die die Ministerin gern hätte, wollen nämlich da sein, wo sich etwas entwickelt, wo die Zukunft stattfindet. Um diese Fachkräfte abzuschrecken, reichen ein paar Fotos aus der Berliner U-Bahn. Die kommen nicht in ein Land, das seine Zukunft hinter sich hat – auch dank der Mithilfe der FDP übrigens.

Und die anderen? Sobald das hier mit dem Hungern und Frieren losgeht, kommen die auch nicht mehr. Das gibt es auch daheim, zumindest das Hungern. Ob das Frieren als Zusatzangebot besonders verlockend ist, hat Stark-Watzinger nicht erläutert. Ich weiß, dass Menschen aus den Tropen Schnee faszinierend finden, aber das lässt relativ schnell nach.

Wenn sie dann ausdrücklich betont: "Das Signal muss sein: Wir sind ein Einwanderungsland", hat das schon etwas vom Rufen im Walde. Es wird vielleicht ein wenig dauern, bis sich der Zustand Deutschlands im hintersten Winkel des Hindukusch herumgesprochen hat, das sorgt für eine gewisse Schonzeit. Halt, nein, da gibt es chinesische Eisenbahnprojekte, die dürften das sehr schnell ändern. Inzwischen findet sich in dem laut beschworenen Einwanderungsland eine ganz andere Realität: In den letzten Jahren hat sich Deutschland zu einem Auswanderungsland entwickelt, und das sage ich nicht nur, weil ich selbst inzwischen aus Moskau schreibe.

Statistiken darüber zu bekommen, ist schwierig, weil nur ein Teil der Entschwindenden sich tatsächlich in Deutschland abmeldet. Aber das Problem ist groß genug, dass es inzwischen eine Strafsteuer für Unternehmensbesitzer gibt, die ihren Lebensmittelpunkt aus Deutschland verlagern. Schon vor über einem Jahr wurden die Gespräche darüber, wohin man sich verziehen könnte, immer häufiger. Und das war noch vor den "Hungern und Frieren"-Sanktionen.

Aber so ist das in der deutschen Politik. Als es wirklich wichtig gewesen wäre, Strukturen zu entwickeln, die Einwanderer unterstützen, so vor fünfzig Jahren etwa, passierte nichts. Selbst im Jahr 2015, nach dem Willkommensrausch, passierte immer noch nichts, jedenfalls was die nicht ganz nebensächliche Wohnungsfrage betrifft. Und jetzt, wo das Kind nicht nur in den Brunnen gefallen und in ihm ertrunken, sondern der Brunnen schon ausgetrocknet ist, kommt die FDP mit tollen Plänen für das Einwanderungsland Deutschland.

Wenn die Chinesen nett sind, beschriften sie den Lichtschalter auf Englisch. Dann kann der englischsprechende Beamte, den die FDP eingestellt hat, wenigstens ordnungsgemäß das Licht abschalten, ehe auch er das Land verlässt.

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