Scholz ist überschätzt, aber ein geschickter Kandidat ist er schon

Unsere Wahlkämpfe verkommen immer mehr zu billigen Castingshows. Dabei müsste doch die Tauglichkeit der politischen Parteien, die zur Wahl stehen, eine Hauptrolle spielen. Von Ulrich Berls.

Wenige Wochen ist es her, dass die Süddeutsche Zeitung eine ausführliche Analyse zum Zustand der SPD veröffentlichte. Mit „Selbstzerstörung“ war das Ganze überschrieben, vom „Niedergang“ der ältesten deutschen Partei war die Rede. Nur sechs Wochen später steht, glaubt man den Demoskopen, ausgerechnet diese SPD vor einem Wahlsieg. Dabei hatte der Artikel nur zusammengefasst, was auch in der Politikwissenschaft weit verbreitete Meinung ist: Die SPD hat ihren Kompass verloren. In kulturellen Fragen wie der Identitätspolitik oder beim Thema Zuwanderung sei die Partei für ihre einstigen Stammwähler zu „links“, in sozialen und ökonomischen Fragen jedoch nicht konsequent genug, so einer der wichtigsten Befunde.

Erschöpft

Seit den späten Neunzigerjahren hat die SPD fast immer den Bundes- oder den Vizekanzler gestellt und entsprechend regierungsmüde wirkt sie oft. Was für ein schwachbrüstiger Außenminister Heiko Maas immer schon war, hat ...